Öffentliche Auslegung B 7-29 Ansichten und Aussichten

Modell (Ansicht von Südosten)

Gestern habe ich endlich die vom Bezirksamt Tempelschöneberg in Raum 3047 des Rathauses ausgelegten Unterlagen zum Bebauungsplan 7-29 „Gasometergelände“ besucht. Besonders interessant war meine Einsichtnahme in die Verwaltungakten des Bezirksamtes, aber davon später.

Der Projektentwickler hat für die öffentliche Auslegung ein Modell zur Verfügung gestellt, das in lichtem Plastik erstellt und unter einer Haube versteckt ist, so dass man nicht messen oder das Modell von der Seite beleuchten kann.

Wenn Sie die Aufnahmen größer sehen wollen, klicken Sie auf das Bild oder verwenden Sie unsere Galerie am Ende dieses Beitrags.

Modell (Ansicht von Südosten)

Modell (Ansicht von Südosten)

Das Modell entspricht (sagen Fachleute aus unserer BI) in etwa dem derzeitigen Stand der Planung.

Jedoch ist es nicht maßstabsgerecht; der entsprechend der aktuellen Planung bis zum vorletzten Ring ausgebaute Gasometer wirkt zierlich (was auch an der realitätsfernen Ausführung des Modells aus transparentem Plastik liegt). Dies wiederum liegt an zwei Faktoren:

Modell (Ansicht von Südwesten)

Modell (Ansicht von Südwesten)

  • es wurde (so die Auskunft der Bezirksamtsmitarbeiterin) für die Gebäude ein Maßstab von „ungefähr 1:812“ gewählt, was eine Überprüfung einzelner Maße (noch dazu unter einer Käseglocke) praktisch unmöglich macht
  • die in das Modell eingestellten und reichlich verwendeten Bäume sind nicht maßstabsgerecht, sondern Katalogware wohl im Maßstab 1:500 und daher im Verhältnis zu den Baukörpern riesig groß. Das wiederum macht die Gebäude zierlicher und verzerrt die Dimensionen für das Auge des Betrachters.

Wieder einmal ein klarer Fall von Zweckpropaganda des Projektentwicklers. Den der zuständige Bezirksstadtrat allerdings nicht bemerken wollte. Auf die schriftliche Bitte der BI nach einem maßstabsgerechten Modell während der öffentlichen Auslegung antwortete der zuständige Bezirksstadtrat, ein solches Modell stünde im Raum 3047 des Rathauses zur Verfügung. Das Antwortschreiben Krömer ist wie immer mit grüner Tinte unterzeichnet, aber leider falsch. Denn das Modell ist eben nicht maßstabsgerecht.

So richtig gruselig sind dagegen die an der Wand hängenden Ansichten des Projekts im Vergleich zur umliegenden Bebauung. Die Ebersstraße verschwindet hinter einer Wand von Beton. Morgensonne dürfte damit für die etwa 2000 Anwohner dieser Straße für immer der Vergangenheit angehören.

Aus den übrigen Perspektiven wird deutlich, dass die erdrückenden Dimensionen des Potsdamer Platzes harmlos sind gegen die Planungen auf diesem Gelände; es entsteht dort ein kompakter Betonklotz mit einem traurigen Rest Gasometer als Dekoration oberhalb der Betonhochhäuser.

Perspektive von Norden

Perspektive von Norden

Besonders bemerkenswert ist auch, dass der Projektentwickler und ihm folgend die Stadtplaner des Bezirksamtes zwar das gesamte Gelände kompakt dreifach mit Betonbauten überplant haben, so dass zwischen den Gebäudekörpern eine exquisite Hinterhofsituation entsteht, wie dies für ein Kerngebiet scheinbar typisch ist.

Wer dies einmal hautnah erleben will, gehe einmal zum Potsdamer Platz und dann zum Weinhaus Huth, einem schönen und denkmalgeschützten Altbau, der jetzt in völliger Dunkelheit zwischen cirka 40 Meter hohen Stahlbetonbauten verschwindet.

Und die Perspektive an diesem wohl schamlosesten Teil des gesamten Projekts aus Gründen der besseren Darstellung wählt den so genannten „Adlerblick“ nämlich aus einer Höhe von 300 – 500 Metern, um die Trostlosigkeit der hier für die Bürger des Bezirks gebliebenen Anmutung einer Freifläche im Schatten von Hochhäusern besser zu kaschieren.

Dies ist ja angeblich ein extrem ökologisches Bauprojekt, dessen verkehrliche Erschließung derzeit allerdings allein über mehr als 8000 tägliche Fahrzeugbewegungen geplant ist. Trotzdem wurde aus Richtung der Stadtautobahn von Süden eine „Sichtachse“ freigehalten. Dadurch können Autofahrer leichter zwischen den im Südteil des Geländes aufragenden Bauten (Hotel und Bürohochhaus) die Werbung auf dem Gasometer erkennen.

Perspektive von Westen

Perspektive von Westen

Denn ich bin mir sicher, dass der Projektentwickler jedenfalls seine bisher scheinbar wirtschaftlich erfolglose Leuchtwerbung auf der Südseite des Gasometers so lange wie möglich fortsetzen wird.

Interessant ist auch, was von der östlichen Seite des Gebiets bleibt. Um nicht ganz so schlecht dazustehen, haben die Zeichner des Projektentwicklers für diese Darstellung eine extreme Vogelperspektive gewählt. Die perspektivische Darstellung von Osten (also von der Leuthener Straße her) zeigt das Gelände aus schätzungsweise 200 Meter Höhe in Weitwinkelperspektive. Eine Ansicht, die uns normalen Sterblichen in der Praxis allerdings niemals geboten wird.

Ansicht von Osten aus etwa 200 Meter Höhe

Ansicht von Osten aus etwa 200 Meter Höhe

Wir sind als Anwohner hier mit der Oberkante der umliegenden Bebauung vertreten. Im günstigsten Fall.

Wenn Sie zufällig im Erdgeschoss wohnen sollten, sieht die Sache natürlich etwas ungünstiger aus und Sie können dann regelmäßig für 30 Euro an den Besteigungen des Gasometers teilnehmen, um noch etwas Sonne abzubekommen.

Wenig erhellend ist auch die Fotomontage, mit der die Baukörper gegen eine Luftbildaufnahme gesetzt werden. Die Perspektive des Betrachters ist hier ein Helikopter in etwa 300 Meter Höhe vom Insbrucker Platz kommend über dem Autobahnkreuz kreisend.

Fotomontage (von Südosten)

Fotomontage (von Südosten)

Nicht so schön sichtbar ist auf dieser Darstellung der wohl gelungenste Baukörper dieses Ensembles, nämlich das immerhin 45 Meter hohe Bürohaus im Norden des Geländes.

Es ist in meinen Augen schon erstaunlich, wenn der Projektentwickler zunächst vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg ein Areal von mehr als 3000  m² Fläche im Bereich der Nordspitze quasi geschenkt bekommt, wie die BI-Gasometer recherchiert und in einem Flugblatt dargestellt hat.

Wissen Sie eigentlich, was die üblichen Grundstückspreise für ein Quadratmeter Bauland in einem Berliner Kerngebiet sind? Ein Blick in die einschlägigen Immobilienangebote verrät:

Beispielsweise an der Bülowstraße im Schöneberger Norden werden Baugrundstücke für mehr als 2000 EUR/m² angeboten. Und jenes ist kein Kerngebiet, dieses jedoch schon, wenn die Planungen verwirklicht werden. Jedenfalls ist die so genannte Nordspitze, auf dem nächsten Bild gut von Norden zu sehen, nicht nur zu Gunsten des Projektentwicklers im Verlaufe dieses Planungsverfahrens mehr als 3000 qm kleiner geworden.

Sondern zum Ausgleich dafür erhält der Projektentwickler nach der derzeitigen Planung ein Baurecht unmittelbar südlich der Nordspitze für ein Hochhaus von mehr als 40 Meter Höhe, welches dann das dritthöchste Gebäude auf diesem Grundstück wäre. Mit dem kleinen Nebeneffekt, dass die Nordspitze (erst aufwändig von Altlasten befreit und dann großflächig für einen Bolzplatz asphaltiert nach der derzeitigen Planung) dann im Schatten eines südlich stehenden riesigen Hochhauses und auch im Schatten des Gasometers steht. Die Nordspitze ist auf dem folgenden Bild übrigens diese kleine Fläche im Schatten der Bäume und der beiden Hochhäuser ganz hinten. Was wir vorne sehen, ist öffentliches Straßenland.

Blick aus Norden (Julius-Leber-Brücke)

Blick aus Norden (Julius-Leber-Brücke)

Der Schattenwurf auf diesem Bild ist übrigens fiktiv. Ebenso die frei gestellten Bäume und der quasi transparente S-Bahngraben. Auch das Verhältnis der Bebauung entlang der Goten- und Cheruskerstraße ist perspektivisch verkürzt. Tatsächlich läge die Bebauung vollständig unter der Höhe und im Schatten der zwei- bis dreimal so hohen Gebäude auf dem Gelände.

Wer diese interessanten Perspektiven noch einmal im Zusammenhang sehen möchte, verwendet bitte die Galerie am Ende dieses Artikels.

Über den Autor

azche24
Ich wohne mit meiner Familie direkt vor dem Gasometer auf der roten Insel in Schöneberg. Und mag dieses Industriedenkmal und Wahrzeichen seit Jahren.