SPD Abteilung Schöneberg rechtfertigt sich (und andere-)

SPD-Fraktion TEMPELHOF-schöneberg

Die SPD ist in allen Bereichen des politischen Lebens groß darin, mitzumachen, sich über das Ergebnis zu wundern und hinterher wahre Rechtfertigungsorgien abzufeiern. Dies gilt auch und besonders für die derzeit 2 Schöneberger Mitglieder der 19köpfigen SPD-Fraktion Tempelhof-Schöneberg.

Besonders eifrig praktiziert dies derzeit die 7. Abteilung der SPD Tempelhof-Schöneberg (faktisch handelt es sich dabei um die Schöneberger SPD). Sehr ausführlich wird da abgegrenzt und gerechtfertigt in einem jetzt verteilten Flugblatt, zu dessen Inhalt man im Forum der BI lesen und Stellung nehmen kann.

Bereits zuvor hatte die Fraktionsvorsitzende Elke Ahlhoff (Friedenau) auf der Homepage der Fraktion ausführlich dargestellt, warum dieser Bebauungsplan gut ist und sein muss. Auch das sollte nicht unerwidert bleiben. Besonders bemerkenswert finde ich diese Einschätzung der Fraktion:

Erkennbarkeit des Gasometers und planerische Einbindung der angrenzenden Gebiete: Das Gaswerkgelände hatte nie einen baulichen Bezug zu der angrenzenden Bebauung. Auch das neu entstehende Quartier hat eine eigenständige Baustruktur und wird neue Identitäten und Wahrnehmungswirkungen hervorrufen. Dabei werden die unverändert bleibenden Denkmale an Bedeutung gewinnen.

Wir wollen uns dies auf der Zunge zergehen lassen. Auch ein Atomkraftwerk hätte und hat keinen baulichen Bezug zur Umgebung und würde daher „neue Identitäten und Wahrnehmungswirkungen hervorrufen“. Die Behauptung, dass der Gasometer und seine Bauten keinen Bezug zur umliegenden Wohnbebauung haben, zeugt ebenfalls von fehlenden Kenntnissen in Stadtgeschichte. Wie nicht zuletzt in der Veröffentlichung der Berliner Geschichtswerkstatt zur Roten Insel nachzulesen ist, ist das merkwürdige Nebeneinander von Gasindustrie und Arbeiterwohngebiet im Kaiserreich entstanden. Und war damals Gegenstand heftiger Proteste und arger Befürchtungen. Gebaut wurde durch den Gaswerkbetreiber und die Behörden Kaiser Wilhelms trotzdem. Frei nach dem Motto

das bringt die Arbeiterfamilien nicht um

und dies war bereits im 19. Jahrhundert! Wenn das kein Bezug ist, dann weiß ich nicht, was dieses Wort überhaupt bedeutet.

Überträgt man das stadtplanerische Wortgeschwuller der SPD auf die heutige Planung, ist leicht erkennbar, dass sich an der hier baugeschichtlich dokumentierten Grundhaltung, nämlich

in der Nähe einer Arbeitersiedlung kannste machen, wasde willst

wenig geändert hat.

Außerdem: Die Denkmale werden natürlich verändert. Der Gasometer soll nach den Entwürfen des Projektentwicklers etwa 7 16 Stockwerke hoch ausgebaut werden. Das daneben stehende Gebäude von Messel wird, wie auf der Seite des Projektentwicklers zu bewundern war, mit Hilfe einer Baugenehmigung vom Juni 2009 mit einem unpassenden und albernen Dachaufbau versehen. Von der Verzwergung und Marginalisierung der Denkmale entsprechend dem Bericht des Landesdenkmalamtes wollen wir hier nicht reden. Thema verfehlt. Setzen.

Müllers Mannen würden bei so einer groben Falschdarstellung sofort zur Pressekammer des Landgerichts Berlin eilen. Und Sie, liebe Frau Ahlhoff müssten sich dann entweder auf Satire oder Blödheit berufen.

Über den Autor

azche24
Ich wohne mit meiner Familie direkt vor dem Gasometer auf der roten Insel in Schöneberg. Und mag dieses Industriedenkmal und Wahrzeichen seit Jahren.

2 Kommentare zu "SPD Abteilung Schöneberg rechtfertigt sich (und andere-)"

  1. kognito | 4.09.09 um 15:26 |

    das werden so mindestens 16 stockwerke im gasometer.

  2. Jürgen Roth | 12.10.09 um 23:26 |

    Liebe Sozialdemokraten,

    so ist es, wenn man jede kritische Distanz zu denen aufgibt, deren Kontrolle die ureigenste Aufgabe parlamentarischer Arbeit ist. Da lässt sich die Partei von einem Privatinvestor am Nasenring um den Gasometer herumführen und ist dann noch beleidigt, wenn ihr das geneigte Publikum den Beifall für diese wenig erbauliche Darbietung verweigert. Wer in der Tradition der kaiserlichen Obrigkeit „durchregiert“ und dann noch mit einem zur Schau getragenen schlechten Gewissen im Wahlkampf punkten will, landet unweigerlich auf dem Bauch. Standhaftigkeit und Verlässlichkeit sind privat und in der Politik wichtige Eigenschaften, auf den sich Vertrauen begründet. Daran müssen sich alle Parteien messen lassen. Das Urteil fällt dann an der Wahlurne.

    mit freundlichem Gruß

    Jürgen Roth
    Vorsitzender des Kreisverbandes Bündnis 90/Die Grünen
    Tempelhof-Schöneberg

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