Zugebaut bis 111 m über NHN?

Ansicht des Gasometer Schöneberg Anfang September 2020

Es geht rund am Gasometer Schöneberg – so schön filigran wie auf unserem Bild wird er nicht mehr aussehen, wenn die Pläne von Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) umgesetzt werden. Doch vor der Empörung kommen die Fakten – was ist überhaupt Stand der Dinge?

Die Fakten:

Der ursprüngliche Bebauungsplan 7-29 enthält eine textliche Festsetzung zur Oberkante der möglichen Bebauung im Gasometer: 98,5 m über NHN (Null) und eine Geschossfläche von 30.800 m².

Dieser Bebauungsplan ist obsolet, weil die verkehrliche Erschließung u.a. durch die mit dem Bezirk vereinbarte „Planstraße“ vom Sachsendamm nicht mehr gesichert ist. Der Vorhabenträger hat (obwohl dazu vertraglich verpflichtet), diese Straße einfach nicht gebaut.

Es existiert jedenfalls ein Gutachten zur verkehrlichen Erschließung, nach denen eine Erschließung des gesamten Plangebiets am Gasometer auch mit einer Geschossfläche von 135.000 m² allein durch die Torgauer Straße (vom Sachsendamm her) möglich sein soll.

Der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Jörn Oltmann (Grüne) möchte erklärtermaßen den obsoleten Bebauungsplan „finalisieren“ und neu mit folgenden Änderungen beschließen:

  1. Die Flächen der so genannten „Planstraße“ sollen aus dem räumlichen Geltungsbereich herausgenommen werden.
  2. Die insgesamt auf dem Plangebiet zulässige Geschossfläche soll von bisher 163.800 m² auf 135.000 m² reduziert werden.
  3. Die im Führungsgerüst des Gasometers Schöneberg zulässige Gebäudehöhe soll neu und höher festgelegt werden. Bebauung bis zu Höhe des vorletzten Ringes (Traufhöhe des Hauptbaukörpers 107 m über HNH) und darüber ein Staffelgeschoss „mit einer sehr flachen Kuppel“ (111 m über NHN, Scheitelpunkt der Kuppel 113 m über NHN) – damit wäre das Führungsgerüst des Gasometers faktisch bis zum letzten Ring ausgebaut.
  4. Die höhere bauliche Auslastung des Gasometers bedeutet dort ca. 35.000 m² Bruttofläche statt vorher 30.800 m². Die Höhe der Bebauung steigt um rund 10 Meter; dies entspricht etwa der halben Höhe eines typischen Berliner Altbaus.
  5. Eine (völlig unverbindliche-) Äußerung der Euref/Reinhard Müller zu den Vorteilen für den Bezirk aus diesem Vorhaben ging dahin, dass die notwendige Erneuerung der Torgauer Straße von dort übernommen wird (baulich und möglicherweise kostenmäßig).
  6. Aber:
    1. Hier ist die Faktenlage so, dass die Ertüchtigung (Asphaltierung, Straßenentwässerung) der Torgauer Straße in diesem Bereich bereits fertig finanziert und projektiert ist. Sie scheitert bisher daran, dass Euref die dafür notwendigen Tiefbau- und Straßenarbeiten gegenüber dem Bezirk verweigert unter Hinweis auf die eigenen Bauarbeiten und den Fahrzeugverkehr auf das eigene Gelände.
    2. Bei einer Ertüchtigung der Torgauer Straße würde eine Entwässerung neu gebaut; u.a. dafür könnte der Bezirk Erschließungsbeiträge von Euref erheben.

Der Tesla Bluff

Am Gasometer Schöneberg wird oft und gerne die Pressetrommel angeworfen, werden Meldungen produziert, mit denen man es in die lokale Presse schafft und dabei werden auch gern mal Geschichten erzählt, die mit der Wirklichkeit wenig oder nichts zu tun haben. So geschehen im Sommer 2020 Mitte Juli, als nicht ganz zufällig und mit einem kleinen Medienrummel die Worte “Tesla” und “Gasometer” durch die Berliner Presse geisterten. Das Ganze endete damit, dass der Tagesspiegel die Gerüchteküche mit einem Bericht beendete, der mit “Der große Bluff?” überschrieben war. Ein Ausrufezeichen wäre wohl eher angemessen gewesen.

Die Berliner Presse im Sommerloch 2020

Die Chronik:

Am 13. Juli 2020 berichtet die “B.Z.” unter der Überschrift “Der erste Euro-Tesla soll aus Berlin kommen” unter Berufung auf den “Tagesspiegel”, der Tesla Konzern wolle ein “Designzentrum” in Berlin einrichten. Und zwar möglicherweise im Schöneberger Gasometer. Der soll (das erfährt man in diesem Zusammenhang aus anderen Veröffentlichungen eher beiläufig) möglichst bis zum letzten Ring mit Büroflächen vollgebaut werden.

Am 14.07.2020 schreibt der “Tagesspiegel” unter dem Titel “Tesla in Berlin”:

Nach früheren Tagesspiegel-Informationen will Tesla am Euref-Campus in Schöneberg ein Design- und Entwicklungszentrum eröffnen.

Berlin und vor allem die Grünen in Tempelhof-Schöneberg verfallen in einen Zustand der kollektiven Hyperventilation. Emails und Nachrichten werden ausgetauscht. Man erinnert sich: Da gibt es ja einen grünen Stadtrat für Stadtentwicklung und der Gasometer ist noch nicht ausgebaut.

Am 17.07.2020 legt der Tagesspiegel nach:

Denkmalschutz oder Tesla? Der Gasometer auf dem Euref soll fast komplett ausgebaut werden – für 2000 Tesla-Mitarbeiter

Interviewt wird dazu Reinhard Müller (Euref), der seine Vorstellungen zum Besten gibt. Von einer vollständigen Bebauung des Gasometers mit 35.000 m² Bürofläche.

so sind Müller und die Tesla-Leute angeblich übereingekommen

Woher der Tagesspiegel diese superheißen Insider-Informationen haben will, bleibt unbekannt. Nur Reinhard Müller darf über mehrere Spalten seine Vorstellungen von 35.000 m² Bürofläche im Gasometer bewerben.

Am 22.07.2020 legt der “Tagesspiegel” unter der Überschrift “Wie soll der Gasometer aussehen?” nach. Berichtet eine Spalte über die kommende Neuauflage des Bebauungsplan-Verfahrens 7-29 und einen Zeitplan, wonach dieses “Anfang des Frühjahrs” (2021) abgeschlossen sein soll.

Ich bin im Urlaub und wundere mich. Denn es ist (insbesondere bei amerikanischen Konzernen wie Tesla) üblich, Anmietungen vom Reißbrett (also noch in einem frühen Stadium der Planung) nicht nur geheim zu halten, sondern auch von Verhandlungspartnern vorab eine sogenannte “Non Disclosure Agreement” (NDA) – also eine strafbewehrte Geheimhaltungsvereinbarung – unterzeichnen zu lassen. So war es wohl auch auch hier:

Am 24.07.2020 berichtet der Tagesspiegel unter dem Titel “Der große Bluff?”, rund um den Gasometer sei Verwirrung entstanden. Aus Kreisen des Euref-Campus und der Politik sei in den vergangenen Wochen die Information verbreitet worden, dass Tesla in den ausgebauten Gasometer ziehen will. Und zwar zum 01.07.2023 mit 2000 Arbeitsplätzen auf 35.000 m² neu geschaffener Bürofläche. Nun sei aber in Konzernkreisen zu hören, man habe kein Interesse am Gasometer und werde definitiv nicht einziehen. Und keiner der Beteiligten äußere sich offiziell.

Damit räumte der Tagesspiegel indirekt ein, ungeprüften oder nicht überprüfbaren Gerüchten auf den Leim gegangen zu sein und darüber berichtet zu haben. Wiederholt dann jedoch noch einmal die nach mehreren Vertragsbrüchen der Euref und Reinhard Müllers verworrene Geschichte der Planungen um das Kerngebiet am Gasometer. Und konstatiert

Der Baustadtrat von Tempelhof-Schöneberg steht an der Seite Müllers und plädiert für die Bebauung des 78 m hohen Gasometers bis auf das letzte Feld.

“Der Tagesspiegel” vom 24.07.2020

Damit wird, was als gezielte Indiskretion zur Verbesserung der eigenen Pressearbeit begonnen haben mag, zum Skandal. Aus der Tesla-Ente wird der Oltmann-Fail; die Empörung in meiner Nachbarschaft auf der Roten Insel ist groß.