Viel Lärm am Gasometer

Ouvertüre

Es ist Dienstag, der 06.10.2009, kurz vor zehn und eine neblige Nacht. Über dem Gasometer zucken Lichtblitze in den Nebel. Aus dem Wasserbehälter hämmert Discomusik und füllt die Luft mit einem dumpfen Dröhnen, das bis in die etwa 200 Meter entfernte Cheruskerstraße deutlich zu hören ist.

techno-diskoIn die grüne Stahlwanne des Gasometers wurde ein Tor geschnitten. Davor stehen zwei schäbige Partyzelte, die weiß in der feuchten Luft glänzen. Fünfzig Meter weiter steht auf einer Parkbank im Dunkeln ein Mann mit einem Schallpegel-Messgerät. 63 dbA zeigt sein Messgerät an. Das ist rund fünfzig Meter entfernt vom Gasometer vor dem Schlafzimmerfenster eines Mieters ein deftiger Wert. Kurz darauf ertönt noch Rosa-Rauschen aus dem Gasometer – wieder in einer monströsen Lautstärke. Es klingt wie ein Wüstenwind und wir mitten drin. Dann um 22.00 Uhr ist Ruhe.

Ankündigung

Am Abend des selben Tages hatten Helfer des „BERLIN GASOMETER -Team“ (Versalien sind wichtig) eine Ankündigung geklebt, in der von einer „Ausnahmegenehmigung“ die Rede war und um „Verständnis für etwaige Ruhestörungen“ gebeten wurde. Der Veranstalter dieses Events mit der amitionierten Webpräsenz wirbt mit einer wattstarken Beschallungsanlage und bietet

eine kompetente, zuverlässige und freundliche Security- und Hostessenbetreuung.

Tabledance im Gasometer?

Geplänkel und Täuschung

Anwohner beantragen wegen der Kürze der Zeit eine einstweilige Anordnung beim Verwaltungsgericht Berlin. Immerhin ist nach § 3 des Landes-Immissionsschutzgesetzes Berlin ab 22.00 Uhr Nachruhe, also

§ 3 Schutz der Nachtruhe
Von 22.00 bis 06.00 Uhr ist es verboten, Lärm zu verursachen, durch den jemand in seiner Nachtruhe gestört werden kann.

Zwar ist der Antrag beim Verwaltungsgericht unzulässig, weil das für diese Ordnungsaufgaben allein zuständige Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg (Umweltamt) vergessen hatte, die sofortige Vollziehung anzuordnen. Jedoch erfährt das Bezirksamt auf diesem Umweg erstmals davon, dass die Betreiber eine Disco-Party bis in die späte Nacht planen. Der Sachbearbeiter des Bezirksamts ist empört: Die Ausnahmegenehmigung für die Veranstaltung wurde nur bis 23.00 Uhr erteilt. Außerdem haben die Betreiber der Location strenge Auflagen erhalten.

Die haben gerade eine telefonische Abreibung erhalten

sagt der Mann am Telefon.

Schon jetzt ist klar, dass hier die bösen Buben am Werk sind: Eine illegale Disco bis in die frühen Morgenstunden wollen sie machen, haben aber nur die Erlaubnis der Eltern bis 23.00 Uhr.

Intervention

Es kommt, wie es kommen muss: Die bösen Buben feiern munter in die Nacht hinein. Um 23.00 Uhr werden am nördlichen Hintereingang des Gasometers noch mit lautem Geschepper Getränkekisten entladen, damit die Party weiter gehen kann. Um 23.15 Uhr rufen Anwohner die vom Veranstalter angegebene Kontaktnummer an – Höflichkeit kann ja auch eine Tugend sein. Der Anruf klingelt 20 Sekunden auf dem Handy des Herrn Höls und wird dann weggedrückt. Um Schlaf zu finden, rufen Anwohner dann die Polizei. Die stoppt kurz darauf die illegale Party und es kehrt Ruhe ein. Schon am nächsten Tag gehend die ersten Anzeigen wegen Verstoß gegen die Auflagen der Veranstalter und ruhestörendem Lärm beim Bezirksamt ein. Die Betreiber der „EUREF-Disko“ haben sich wenig gekonnt vorgestellt.

Rückschau

Am Stand der BI gehen kurz darauf weitere Informationen ein: Eine Anwohnerin berichtet, es seien statt der auf der Seite der EUREF-Leute angekündigten 450 Gäste nur knapp 70 Besucher auf der Party gewesen. Außerdem sei die Fußbodenheizung ausgefallen und die Location unangenehm kalt geblieben. Überprüfen können wir das von hier aus nicht. Es fällt jedoch auf, dass auch auf den Bildbeiträgen eines sich wichtig fühlenden „jugend- und kommunalpolitischen Pressedienstes“ zwar viele Bilder zu sehen sind, jedoch keine Totale. Die Bildformate werden gefüllt auch von dem voluminösen Ex-Außenminister Fischer, der sich anscheinend in seiner neuen beruflichen Rolle als bezahlter Lobbyist hat überreden lassen, an dieser Party teilzunehmen. fischer-01

Inhaltliche Statements zu Planung und Konzept werden zwar nicht berichtet,  jedoch muss offenbar die Berufsbezeichnung „Frühstücksdirektor“ umgeschrieben werden – immerhin ist dies eine Abendveranstaltung. Fischer lehnt sich bei seinem Interview so weit zurück und verschränkt die Arme, dass man glauben möchte, er wolle gleich die Flucht antreten. Wenn Uninteressiertheit und Distanz eine körperliche Entsprechung haben, hier ist sie. Auf das Interview, welches der RBB bei dieser Gelegenheit mit Fischer aufnahm, dürfen wir ebenso gespannt sein wie auf die Bewertung des Events durch den Journalisten des RBB.

Überhaupt dieser Pressedienst, der in einer vierseitigen Lobhudelei den Eindruck vermittelt, für diese Berichterstattung bezahlt worden zu sein. Kein Superlativ ist groß genug für diesen gespenstischen Event.

Nicht berichtet wird, dass der Projektentwickler Müller vor zwei Jahren angetreten war, hier das erste

CO2-neutrale Bürozentrum

zu konzipieren. Mit einer wattstarken Beschallungsanlage, Lichtorgeln und Fußbodenheizung in einem unisolierten Kuppelbau sind Müllers Mannen derzeit von diesen Zeilen derzeit ebenso weit entfernt wie von einer angemessenen Nutzung des Gasometers.

Überhaupt erwecken dieses Projekt und seine Protagonisten immer mehr den Eindruck, so richtig das alte Berlin zu verkörpern:

Energieverschwendung, kumpelige Seilschaften, extreme Großmäuligkeit und immer der Blick auf die Subventionen. Als hätte sich in Berlin seit den 80er Jahren nichts verändert. Vielleicht liegt dies auch am durchaus „gestandenen“ Durchschnittsalter der Beteiligten.

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Über den Autor

azche24
Ich wohne mit meiner Familie direkt vor dem Gasometer auf der roten Insel in Schöneberg. Und mag dieses Industriedenkmal und Wahrzeichen seit Jahren.

1 Kommentar zu "Viel Lärm am Gasometer"

  1. hallo,
    nicht nur am Abend des 8. Oktober 2009 kam vom Gasometer reichlich Lärm, auch am Abend des 6. Oktober war erheblicher Lärm zu vernehmen und noch viel lauter als am 6. Okt., offensichtlich die Proben.
    Selbst durch die geschlossennen Fenster meiner Wohnung in der Eberststrasse 12a im vierten Stock war das Gewummer deutlich zu hören.
    Ich und meine Ferienwohnungsgäste haben sich erheblich gestört gefühlt, wir haben gegen ca. 22:15uhr die Polizei im AB42 informiert, kurz danach war ruhe, vielleicht haben ja auch noch einige andere angerufen oder was weiß ich.
    Ich hoffe nur, das so etwas nicht wieder statt findent, es gibt weiß Gott genug atraktive Veranstalltungsorte in dieser Stadt um solche Konzerte abzuhalten.

    Ich möchte hier mal schreiben, das mich der Lärm hier vor dem Haus schon seit Jahren nerft, die S-Bahn ist nicht gerade leise, vor allem seit die Holzschwellen durch Betonschwellen ausgewechselt wurden ist der Lärm stärker geworden und Lärmschutzmaßnahmen wie auf anderen Hauptstrecken, davon kann man hier nur träumen.
    Der Bolzplatz direkt vor dem Haus trägt auch zu erheblichen Lärm bei(wie auch aus dem Lärmprottokoll im Rathaus zu ersehen war), wenn im Sommer dann noch bis 23uhr oder manchmal auch bis 24uhr von Erwachsenen dort Fußball gespielt wird dann wird es unerträglich, und ein Erwachsener hat ja einen wesentlich kräftigeren Schuß als Kinder, das Scheppern der Eisengitter ist schon gewaltig.
    Und dann haben wir ja auch noch Neuzugang, direkt daneben wurde uns ja noch ein Bolzplatz eingerichtet, zur Abwechselung mal mit Basketballkörbchenen anstatt Toren.
    Das das Gelände zur Schule gehört und veriegelt und verrammelt ist, interessiert die jugendlichen reichlich wenig, die steigen hops übers Gitter, und auch hier wird bisweilen bis tief in die Abendstunden gespielt.
    Und das ist immer noch nicht genug, schräg gegenüber auf dem Gelände der Nordspitze gibt es bald Nachwuchs, zwei weitere Bolzplätze, wenn auch nicht ganz so nah, ich bin mal gespannt wie das wird.
    Das mag jetzt dem ein odere anderen spießig vorkommen, für miich nicht, ich habe mich dazu entschieden hier im Kiez zu wohnen und möchte es auch weiterhin und ich bin auch bereit gewisse Unanehmlichkeiten dafür zu tollerieren, aber irgendwann ist es auch mal genug mit der Tolleranz.
    Als ich vor 24 Jahren in diesen Stadtteil zog war das alles hier noch etwas anders, ich musste nicht alle vier Wochen dem Ordnungsammt mailen das hier schon wieder ein Dutzend Einkaufswagen herum stehen oder ein alter Kühlschrank rumliegt.
    Der Grünstreifen gegenüber wure zweimal im Jahr geschnitten, heute wächst alles meterhoch zu, der Dreck Stapelt sich, kein Mensch kümmert sich da drum, hierfür ist kein Geld mehr da.
    Aber für einen neuen Park werden Milionen ausgegeben, alte, schöne Bäume gefällt und pflegeleichte Anlagen erstellt, bloß kein natürlicher Wildwuchs, das dichte Unterholz ist bald alles weg, Nachtigallen ade.

    So, nun hab ich mich genug ausgeheult, es war mir ein Bedürfniss dass mal zu schreiben, ich werde es nun Euch überlassen, ob Ihr das einstellt oder nicht.

    Herzlichen Gruß Michael

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