Leuchtwerbung: verdunkeln, verschleiern, verzögern

Lichtwerbung, Sommer 2010
Lichtwerbung, Sommer 2010
Lichtwerbung, Sommer 2010

Leuchtwerbung von der Torgauer Straße aus gesehen, 2010

Seit mehr als zwei Jahren flimmert am Gasometer der „Nightmare-Screen“ – sinnlose Leuchtwerbung, die in letzter Zeit häufiger auch nachts abgestellt bleibt. Früher wollte der Eigentümer des Gasometers, Projektentwickler Reinhard Müller, mit Erlösen aus dieser Leuchtwerbung die Sanierung des Gasometers finanzieren.

Wie erst jetzt bekannt wurde, hat sich der für die Genehmigung dieser Denkmalverschandelung zuständige Bezirksstadtrat Bernd Krömer (CDU) nicht nur leichtfertig über Beschwerden und Bedenken von Anwohnern hinweg gesetzt. Sondern er hat (ob aus Unkenntnis oder absichtlich, ist nicht bekannt) sogar die Öffentlichkeit falsch informiert. Und die Überprüfung von Anwohnerbeschwerden sowie die Benachrichtigung der Bewerdeführer hat weit mehr als ein Jahr gedauert.

Zur Erinnerung: Im April 2008 schloss Bezirksstadtrat Krömer mit Projektentwickler und Gasometer-Eigentümer Reinhard Müller einen Leuchtwerbungsvertrag, in dem Müller die Berechtigung eingeräumt wurde, am denkmalgeschützten Gasometer Lichtwerbung anzubringen.

Im Sommer 2008 wurde der Nightmare-Screen in Betrieb genommen. Kurz darauf gingen die ersten Beschwerden genervter Anwohner beim Bezirksamt ein, denen die Lichtreflexe der Werbeanlage abends in die Zimmerfenster strahlten.

In einer Art hellseherischer Voraussicht hatte der für den in meinen Augen mehr als dubiosen „Leuchtwerbungsvertrag“ vom 07.04.2008 zuständige Bezirksstadtrat bereits am 14.05.2008 in der Lokalausgabe Schöneberg der Zeitung „Berliner Woche“ vom 14. Mai 2008 behauptet

„Die Anwohner können gar nicht gestört werden, weil sie die Lichter gar nicht sehen können. Die Dinger leuchten schließlich alle nur Richtung Sachsendamm und da wohnt niemand“

Ähnlich äußerte sich der Herr Stadtrat später gegenüber der BVV Tempelhof-Schöneberg.

Im Oktober 2008 stellte das Bezirksamt bei eigenen Messungen in den Wohnungen der betroffenen Anwohner

unter Berücksichtigung von Worst-Case-Faktoren nach den „Hinweisen zur Beurteilung und Messung von Lichtimmissionen des Länderausschusses für Immissionsschutz vom 10.05.2000 keine Immissionsrichtwertüberschreitungen der mittleren Beleuchtungsstärke (Raumaufhellung) fest.

Für weitere Messungen wurde ein sachverständiger Gutachter beauftragt. Diese Messung fand dann in einigen Wohnungen der Beschwerdeführer im April 2009 statt. Das  Gutachten lag dem Amt im Juni 2009 vor.

Das Gutachten kam zum Ergebnis, dass der Betreiber, um die Nightscreen LED-Werbeanlage ordnungsgemäß zu betreiben, die Leuchtdichte mittels der bereits installierten Helligkeitsregelungen mit Pulsweitenmodulationen gemäß den zulässigen Beleuchtungsstärken und den Lio-Werten in der Nachtzeit auf 40% zu dimmen hat.

So heißt es weiter im Bescheid des Bezirksamts vom Febuar 2010.

Kurz gesagt hat das Bezirksamt offenbar 8 Monate gebraucht, um die Ergebnisse des Gutachtens auszuwerten und dem Beschwerdeführer mitzuteilen, der damit etwa anderthalb Jahre nach seiner Beschwerde informiert wurde. Das Ergebnis der Überprüfung war verheerend: Die Lichtwerbung war 60 % zu hell. Angeblich hat der Betreiber der Lichtwerbung deren Leuchtstärke verringert. Ob und wenn ja wie dies überprüft wurde, sagt das Bezirksamt nicht.

Über den Autor

azche24
Ich wohne mit meiner Familie direkt vor dem Gasometer auf der roten Insel in Schöneberg. Und mag dieses Industriedenkmal und Wahrzeichen seit Jahren.

2 Kommentare zu "Leuchtwerbung: verdunkeln, verschleiern, verzögern"

  1. Norbert Rheinlaender | 18.10.10 um 14:32 |

    Hallo Alexander!

    Gestern habe ich privat mit einem Vogelschützer zu tun gehabt. Irgendwie kamen wir auf den Gasometer bzw. das Stahlgerüst für den Gasbehälter in Schöneberg zu sprechen. Er meinte bis vor etwa 2-3 Jahren gab es darin Nester des in Berlin streng geschützten Kolkraben. Leider ist dieser weggezogen und dort seitdem nicht mehr gesichtet worden. Ob das im Zusammenhang mit der Lichtwerbung passierte, konnte er nicht sagen. Vielleicht lohnt es sich ja, mal beim NABU nachzufragen, wann und bis wann sie dort registriert wurden. Sowas schärft das Bewußtsein der Bürger für Artenschutz und wird als Argument ja vielleicht auch mal bei den Auseinandersetzungen benötigt.

    Engagierte Grüße sendet euch Norbert!

  2. Marlene | 29.10.10 um 13:09 |

    Es war häufiger von einem Falken die Rede. Ein Nest ist noch erhalten, es befindet sich ganz oben unter dem Umgang auf der Nordseite des Gasometer-Gerüsts. Die Vögel werden durch die Leuchtwerbung und vor allem durch die Gasometer-Besteigungen gestört, die direkt über dem Nest verlaufen. So wurde denn auch 2010 kein brütender Vogel mehr gesichtet.

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