Das Märchen vom Denkmalschutz – oder: Die Tür, die nicht passte

Lüfungsrohr durch die Wand des Wasserbehälters; Foto: www.bi-gasometer.de
Lüfungsrohr durch die Wand des Wasserbehälters; Foto: www.bi-gasometer.de

Es war einmal ein selbsternannter Denkmalschützer, der immer großen Wind um seine  Aktivitäten in diesem Bereich machte. Dazu gehörte die berühmte Verhüllung des Brandenburger Tors mit Telekom-Reklame ebenso wie die legendäre Werbenutzung des Charlottenburger Tores. Nun wollte sich der König der Denkmalschützer einmal an einem Industriedenkmal versuchen und kaufte den Schöneberger Gasometer. Da sollte Großes entstehen – ein Energie-Forum, eine Energie-Universität, ein ganz besonderes und sehr hohes Hotel und viele viele Quadratmeter Büroraum.

Weil das alles nicht so lief, baute der kleine König der Denkmalschützer einen gebraucht gekauften Behelfsbau im Schöneberger Gasometer auf, den nannte er „WM-Kuppel“. Das war schön im Sommer und kalt im Winter, weil die Fußbodenheizung unter dem Folienzelt nicht funktionierte. Also schnitt der Denkmalkönig Löcher in die Stahlwände des Gasometers für Lüftungsrohre, die sahen von innen so aus:

Lüfungsrohr durch die Wand des Wasserbehälters; Foto: www.bi-gasometer.de

Lüfungsrohr durch die Wand des Wasserbehälters; Foto: www.bi-gasometer.de

Das Bezirksamt erfuhr davon erst recht spät, als die Löcher schon geschnitten waren. Und weil das Bezirksamt dem kleinen Denkmalkönig nicht gram sein wollte, genehmigte es diese Löcher nachträglich.

Und da man einen Sündenbock für das Bußgeld wegen nicht genehmigtem Herumschneiden am Denkmal suchte, wurde das allfällige Bußgeldverfahren gegen jemand anderen eingeleitet. Öffentlich hatte der Denkmalkönig ja schließlich verkündet, das geschnittene Loch sei vom bösen Betreiber seines Behelfsbaus gewesen und nicht von ihm selbst. Wie unaufmerksam der kleine Denkmalkönig doch sein kann, wenn es darauf ankommt.

Was der kleine Denkmalkönig aber schön für sich behielt war: Auch an der Südseite des Gasometers hatte er mit seinen Leuten etwas herumgeschnippselt. Weil er das alte Loch an dieser Stelle mit einer schönen großen roten Tür verschließen wollte, bestellte er sich eine solche. Und als die Tür geliefert wurde – oh Gott! – da passte sie nicht.

Aber das macht nichts, sagte sich der kleine Denkmalkönig. Dann nehmen wir eben die große Blechschere und schneiden ein größeres Loch in den grünen Stahlmantel des Gasometers. Grün ist eh nicht meine Lieblingsfarbe und was nicht passt, wird passend gemacht.

So vergrößerte der kleine Denkmalkönig die vorhandene Öffnung und baute seine feuerrote Tür ein, damit keiner mehr unbefugt hinein kommt in seinen Gasometer.

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Passt! Davon weiß das Bezirksamt vermutlich bis heute nichts. Auch nachträglich hat sich der Denkmalkönig dieses Loch bisher nicht absegnen lassen. Warum sollte er das auch tun, denkt er sich, ich bin ja schließlich der König.

Deshalb hat er auch weiter gesägt, um noch mehr rote Türen einbauen zu können. Das war so auffällig, dass selbst das Bezirksamt sah, dass da was anders war als vorher.

Und da erklärte der kleine Denkmalkönig, er habe nicht nur einen Durchgang zum schönen neuen Toilettencontainer gebraucht, sondern auch noch eine Fluchtwegöffnung. Da habe er einfach ein neues Loch schneiden müssen. Warum sollte er schließlich die ganze Wahrheit sagen, wenn das Bezirksamt nicht von alleine drauf kommt. Psst! Er hat nicht nur eine neuen Öffnung geschnitten, sondern auch eine alte erheblich erweitert:

Öffnungen-Nordseite

Jetzt gehen die bösen Buben her und sagen: „Aber, aber, da haben wir ja einen Schwarzbau! Das ist ja gar nicht genehmigt!“

Da weiß der kleine Denkmalkönig aber einen Rat. Er hat einen guten Freund im Bezirksamt, von dem er weiß, dass den der Gasometer nicht wirklich interessiert. Es wird also nicht schwer sein, Herrn K. davon zu überzeugen, dass ein Schwarzbau an einem geschützten Industriedenkmal nicht so schlimm ist. Schließlich hat der ihm ja schon vieles nachträglich genehmigt oder gebilligt: Rote Türen, hässliche Container, Bretterverschläge für Heizungsanlagen,

2010-11-29-Rote-Tür-300x225große dicke Heizungsrohre und eine nördliche Fluchtöffnung.

Auf der Verwendung grüner Farbe besteht Herr K. bestimmt nicht, denn die mag der kleine Denkmalkönig nicht. Sonst würde er auch den armen alten rostigen Gasometer mal neu streichen. Wie er das seit 2007 dem Herrn K. versprochen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und die Moral von der Geschicht? Trau Denkmalkönigen nicht!

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Über den Autor

azche24
Ich wohne mit meiner Familie direkt vor dem Gasometer auf der roten Insel in Schöneberg. Und mag dieses Industriedenkmal und Wahrzeichen seit Jahren.

1 Kommentar zu "Das Märchen vom Denkmalschutz – oder: Die Tür, die nicht passte"

  1. Verblüffende Parallelen zu einem Bericht den ich kürzlich gelesen habe :

    Komfort statt Denkmalschutz
    Die Geschichte der gewerblichen Zwischennutzung des denkmalgeschützten Gasometers beginnt mit der Idee im Inneren des unteren Eisenrings eine Veranstaltungsstätte zu errichten. Schwerpunkt sollten vermutlich werbewirksame Events für den angedachten Standort des Europäischen Energieforums sein. Zu diesem Zweck wurde die ursprünglich für sommerliche Aussentemperaturen konzipierte, sogenannte „Bundestagsarena“ im Juni 2009  erworben.
    Ihrer Bestimmung nach war ihr Standort der Platz neben dem Reichstag während der Fußball-WM im Sommer 2006.
    Eine Art kuppelförmige Zeltkonstruktion aus Kunststoff-Folie, getragen von einer etwa 22m hohen und 30m durchmessenden Stahlkonstruktion.
    Bereits Anfang August 2009 feierte der Eigentümer unter Anwesenheit des Bezirksbaustadtrates das Richtfest, ohne dass der für eine Genehmigung notwendige Prüfbericht zur Standsicherheit vorlag. Erst am 24. September konnte der Kuppelbau endgültig genehmigt werden.
    Denkmalschutzrechtliche Argumente für eine Genehmigung waren die gemäß Bauantrag  temporäre, reversible Aufstellung ohne Verbindung zum Baudenkmal, also „Schonung“ der Denkmalsubstanz.
    Bauliche Veränderungen am Denkmal waren aus Gründen der Vorschriften der Versammlungsstättenverordnung für den Veranstaltungsbetrieb nicht zwingend notwendig.

    Nach Angaben des Bezirksamtes fanden im Vorfeld zwar Beratungen über die Möglichkeiten zur Schaffung einer weiteren Durchgangsöffnung statt, die jedoch nicht in einem Genehmigungsverfahren mündeten.
    Hintergedanke dieses Begehrens waren wohl Komfortgründe, um einen witterungsunabhängigen Zugang zum Sanitärbereich zu gewährleisten. Eigentlich sollten die auf dem Gelände vorhandenen Toiletten  mitgenutzt werden.

    Trotzdem wurden im Herbst letzten Jahres einschneidende Maßnahmen vorgenommen.
    Da sich die eingebaute Fußbodenheizung überraschenderweise als unzureichend erwies, wurden kurzer Hand zur unterstützenden Beheizung zusätzlich zwei ca. 50cm durchmessende Luftheizungsrohre durch die Gasometerwandung verlegt.
    Dem bedürftigen Gang über das freie Gelände konnte Abhilfe geschaffen werden, indem ein Sanitärcontainer über eine neu eingeschnittene Durchgangsöffnung in der Wandung an den Gasometer angedockt wurde.
    Die Gründe für z.T. massive Aufweitungen der schon länger bestehenden Fluchtwegeöffnungen auf der Nord- und Südseite sind unklar und werden bislang behördlicherseits in Abrede gestellt.

    Ferner wurden auch Belange der denkmalrechtlich geschützten unmittelbaren Gasometerumgebung berührt. Hierzu gehörten u.a. die Einbringung von roten Durchgangstüren, Verteiler für die Fußbodenheizung, getigerte Handläufe, Bretterverschlag und Wellblechcontainer zur Unterbringung der Heizaggregate bzw. einer Sanitäreinrichtung.

    Mehrfache Bemühungen (seit Oktober 09) das Landesdenkmalamt zu einer Einmischung in diese in allen Punkten denkmalschutzrechtlich relevanten Maßnahmen zu veranlassen wurden zurückgewiesen.
    In den entsprechenden Antwortschreiben äußert sich das LDA zwar unzufrieden, sieht sich aber gleichzeitig, unter Verweis auf die „Untere Denkmalbehörde“ als Genehmigungsinstanz, rechtlich nicht in der Lage einzugreifen …

    Erst eine Ordnungswidrigkeiten-Anzeige Anfang November 09 führte zu ausgenommen langwierigen Ermittlungen durch das Bezirksamt.
    Der Eigentümer als Verantwortlicher schien hier eher der unpassende Adressat und so nahm der damalige Geschäftsführer der Betreiberfirma die Schuld und das anhängige Verfahren auf sich …

    Ein halbes Jahr später, im Mai 2010 wird Herr Krömer als zuständiger  Baustadtrat im Stadtplanungsausschuss dahingehend zitiert, dass er im Grunde gegen die ausgeführten Baumaßnahmen nichts einzuwenden hat, nur wäre er gerne vorher gefragt worden

    Bereits im April hatte die Untere Denkmalschutzbehörde aufgrund der im März nachträglich eingereichten Anträge (im Nachgang einer Ortsbegehung) zwei Rundöffnungen für die Luftheizung, Verteiler für die Fußbodenheizung sowie die Bedienercontainer befristet und rückwirkend genehmigt – lediglich ein Bretterverschlag sollte äußerlich dem nebenstehenden Container angeglichen werden.
    Erst weitere 6 Monate später, im September, geht im Bezirksamt ein Antrag auf Genehmigung der vor ca. einem Jahr eingebrachten Türen, der damals neu eingeschnittenen Fluchtwegeöffnung und des angedockten Sanitärcontainers ein.

    Genehmigungen unter Zurückstellung denkmalrechtlicher Bedenken, wie es behördlicherseits heißt !

    Angetreten war die Ordnungsbehörde noch mit einem „Verfahren zur Anordnung der Wiederherstellung“…
    (die nun nach Ablauf der Genehmigungsfrist erfolgen soll)

    Hat sich denn niemand über denkmalverträgliche, über technische bzw. lokale Alternativlösungen Gedanken gemacht ?!

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