Torgauer III: Geheimnisse eines Dreiecks

Graffiti einer Autowerkstatt an der Torgauer Straße
Graffiti einer Autowerkstatt an der Torgauer Straße
Graffiti einer Autowerkstatt an der Torgauer Straße

Graffiti einer Autowerkstatt an der Torgauer Straße

Großspurige Straßenplanungen sind nicht nur aktuell ein Thema für die Torgauer Straße, sondern auch Teil ihrer Geschichte. Eine Querung der Ringbahn im westlichen Bereich, wie sie derzeit zur Neuerschließung des alten Gaswerks Schöneberg für „Euref“ geplant ist, war schon einmal im Gespräch. Die Rede ist natürlich von der seit 1965 projektierten Westtangente. Kreativ und erfolgreich zog eine der ersten Bürgerinitiativen der Stadt seit 1974 gegen die Autobahnpläne ins Feld.

Wegen des Protests der BI Westtangente kamen die Befürworter der autogerechten Stadt mit ihrer Autobahn nicht weiter als bis zum Kreuz Schöneberg am Sachsendamm. Sinnfällig zeigt der Blick auf den heutigen Stadtplan, was dadurch verhindert worden ist. Den frühen Planungen zufolge wäre die Autobahn nach Norden entlang des Cheruskerparks in den Bahngraben der S1 verlaufen. Sowohl Teile der Bebauung der Cheruskerstraße als auch die meisten historischen Bauten des alten Gaswerks Schöneberg wären der Betontrasse geopfert worden. Die Rote Insel, aber vor allem die Torgauer Straße hätten ihr Gesicht grundlegend geändert. Sie blieben damals verschont.1 Die heutigen Investoren-Träume werden von Reinhard Müllers „Euref“ und einem eng bebauten Kerngebiet mitten im Kiez verkörpert, das gesichtslose Bürobauten verspricht.2

Graffiti einer Autowerkstatt an der Torgauer Straße

Graffiti einer Autowerkstatt an der Torgauer Straße

Grünzüge durch die Stadt, vor allem auf ungenutzten Bahnflächen, waren eine Idee der BI Westtangente: ein Gegenkonzept zum „Traum von der autogerechten Stadt“. Ab nächstes Jahr soll das an der Torgauer Straße zur Wirklichkeit werden. 2013 will der Bezirk eine Grünfläche entlang der Straße bauen, als Teil der sogenannten „Schöneberger Schleife“. Ob es dann an der Cheruskerstraße mit den Baumaßnahmen gleich zur bislang ausgebliebenen Straßensperrung der Torgauer kommt, bleibt wohl noch abzuwarten.

Cherusker-Dreieck mit Autowerkstätten von oben, 2010

Cherusker-Dreieck mit Autowerkstätten von oben, 2010

Die Planungen läuten auf jeden Fall das Ende einer Ära ein, in der das früher wesentlich stärker als heute von Industrie geprägte Umfeld der Torgauer vor allem Gewerbeflächen anbot. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verpachtete die Bahn die Grundstücke an und zwischen den Trassen an kleine Betriebe. Wo sich bis vor kurzem Autohändler und Autowerkstätten fanden, waren früher eine Vielzahl von Handelsbetrieben und Handwerkern angesiedelt. Da der Bezirk die Flächen angekauft und den Pächtern nun gekündigt hat, stehen die Grundstücke heute bis auf eines leer. Der Abriss der Bebauung soll noch dieses Jahr erfolgen. Duckten sich seit mehr als 100 Jahren die Bauten und Schuppen der Kleinbetriebe in den Schatten der Bahndämme, so kehrt nun Ruhe ein. Aber wird ein Stück Geschichte jetzt durch phantasielose Grünflächenplanungen ersetzt?

Hans Baluschek [Public domain], via Wikimedia Commons

Allzu kuschelig wird es auf jeden Fall nicht, denn die Bahn plant ein Revival: Sie wird die Fernbahngleise auf dem Ring 2014 in Betrieb nehmen und auch den ein oder anderen Güterzug rollen lassen. Und die Ruhe ist auch in der Zukunft noch trügerisch, denn die S 21 kann die „Cheruskerkurve“ wiedererstehen lassen. Direkt an der Parkfläche wird außerdem die neue Planstraße zum alten Gaswerk geführt.

Zwischen den Häusern der Cheruskerstraße und dem Gaswerk verlief eine Bahntrasse, die nördlich in den Wannseegraben mündete. An der Torgauer Straße wurde sie in östlicher und in westlicher Richtung auf die Ringbahn geführt. Deshalb steht der heutige Cheruskerpark auch unter dem Vorbehalt einer erneuten Bahnnutzung, wenn die S 21 vom Hauptbahnhof weiter in südlicher Richtung geführt wird bis zum Südkreuz. Wenn die S-Bahn kommen sollte, dann wird es eng. Der Park müsste im nördlichen Bereich wohl aufgegeben werden.

Die Cheruskerkurve und ihr westliches Pendant (das nicht mehr wieder kommt) bildeten ein Dreieck („Cherusker-Dreieck“). An dieser Stelle kann der Park dauerhaft nach Süden erweitert werden, und in diesem Bereich wird die Torgauer für den Autoverkehr unterbrochen. Ein Geh- und Radweg wird an ihre Stelle treten, der mit erstaunlichen 7 Metern Breite wie eine Straße dimensioniert wird.

Ein Blick zurück in die Vergangenheit auf die beiden nicht mehr vorhandenen Bahnbrücken der Ringbahnspitzkehren über die Torgauer Straße ist anhand alter Fotos möglich. Heute gibt es nur noch wenige Spuren dieser Bauwerke zu entdecken. Warum waren sie überhaupt nötig?

Torgauer Straße mit Eisenbahnbrücke der Cheruskerkurve, 1912 (Museen Tempelhof-Schöneberg von Berlin / Archiv)

Torgauer Straße mit Eisenbahnbrücke der Cheruskerkurve, 1912 (Museen Tempelhof-Schöneberg von Berlin / Archiv)

Torgauer Straße heute an der Stelle der früheren Cheruskerkurve

Torgauer Straße heute an der Stelle der früheren Cheruskerkurve

Das Ringbahnstück in Schöneberg wurde 1877 fertig gestellt. Einsteigen konnte man jedoch zunächst nur am Bahnhof Schöneberg, damals am Werdauer Weg gelegen.3 Die verkehrliche Erschließung der „Insel“ verbesserte sich erst 1881 durch einen neuen Bahnhof an der Kolonnenstraße (damals Schöneberg genannt, heute „Julius-Leber-Brücke“). Er war durch die beiden Spitzkehren am Cheruskerdreieck mit der Ringbahn verbunden und diente auch als Umsteigebahnhof.4 Also gab es seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die „Cheruskerkurve“ und die Brücken über die schmale Torgauer Straße.

Direkt daneben erhob sich ab 1910 der große Gasometer IV der Gasanstalt, und südlich von ihm drei weitere ältere und wesentlich niedrigere Gasbehälter.5 Nach der starken Beschädigung der Gleisanlagen im Zweiten Weltkrieg wurden sie im Bereich des heutigen Cheruskerparks in den fünfziger Jahren abgebaut.

Torgauer Straße mit Eisenbahnbrücke der westlichen Ringbahn-Spitzkehre, 1912 (Museen Tempelhof-Schöneberg von Berlin / Archiv)

Torgauer Straße mit Eisenbahnbrücke der westlichen Ringbahn-Spitzkehre, 1912 (Museen Tempelhof-Schöneberg von Berlin / Archiv)

Torgauer Straße heute an der Stelle der früheren westlichen Ringbahn-Spitzkehre

Torgauer Straße heute an der Stelle der früheren westlichen Ringbahn-Spitzkehre

Zur Erweiterung des Parks auf dem Gebiet des Cherusker-Dreiecks wurden und werden erhebliche Mittel eingesetzt, die aus dem Stadtumbau-Programm Südkreuz kommen. Der Ankauf der Fläche des Dreiecks (Torgauer Straße 11a) erfolgte 2009 von der Vivico für 320.000 Euro.6 Hin kommen für diese Fläche dann noch die hohen Kosten für die Altlastensanierung des Bodens von ca. 230.000 Euro.

Die eigentlichen Planungen zur Grünflächengestaltung an der Torgauer Straße insgesamt sollen am 19.4.2012 im Rathaus Schöneberg vorgestellt werden. Der entsprechende Bebauungsplan lag im Februar 2012 reichlich verspätet wieder aus, nachdem er erstmals Ende 2010 vorgelegt worden war. In den bisherigen Informationsveranstaltungen zum Stadtumbau gab es keine weitergehenden Angaben zur konkreten Ausgestaltung der Torgauer Flächen.

 


  1. Offiziell verabschiedete sich die Politik erst in den neunziger Jahren von der Planung. Der letzte B-Plan zu diesem Zweck wurden 2009 außer Kraft gesetzt: Die „Westtangentenbebauungspläne“ XI-150, XI-151 und XI-152, jeweils vom 3. April 1978, werden im Wesentlichen durch den B-Plan 7-29 und den B-Plan XI 231b ersetzt. 

  2. Ironie der Geschichte: Zwei Politiker, die früher einmal bei der BI Westtangente aktive bzw. passive Mitglieder waren, sind heute Reinhard Müllers (Euref) treue Vasallen, nämlich Uwe Saager und Peter Strieder (beide SPD). 

  3. Die Ringbahn war zunächst für den Güter- und Militärverkehr bedeutsam. Sie verläuft daher auch südlich des damals militärisch genutzten Tempelhofer Feldes. An der Papestraße befand sich schließlich auch ein Militäreisenbahnregiment. 

  4. Verbindung von Wannsee- und Ringbahn bevor der große Bahnhof Schöneberg am Sachsendamm bis 1932 entstand. 

  5. Im Krieg blieb der Gasbehälter IV im Wesentlichen verschont, die anderen drei Gasometer wurden beschädigt. Neben dem Großbehälter wurde nur der Behälter III wieder in Betrieb genommen. Dieser kleinere Gasometer wurde 1977 abgerissen. 

  6. Mit dem Erwerb hat das Land ebenfalls den Cheruskerpark kostenfrei übertragen bekommen. Für den Fall des Baus der S21 in diesem Bereich ist eine Rückauflassung vereinbart.